Nachgefragt: Interview mit GDBA-Betriebsrat Peter Sarimski bei der üstra

  Peter Sarimski ist seit 28 Jahren bei der üstra tätig. Als Schaffner fing er an und hat sich dann zum Busfahrer ausbilden lassen. 16 Jahre war er Vertrauensmann in Vahrenwald. Von 1967 bis 2001 gehörte er der ÖTV/ver.di an. Jetzt ist er als Betriebsrat der Verkehrsgewerkschaft GDBA neu im Betriebsratsgremium der üstra.


Warum hast Du kandidiert?

Peter Sarimski: Es gibt keine Kolleginnen im Fahrdienst, die glücklich sind. Ich habe diese Unzufriedenheit bei den Kolleginnen und Kollegen bemerkt. Ausschlaggebend war die Einführung des Spartentarifvertrags NDS, der von unseren Interessenvertretern mit ausgehandelt wurde. Das kam für meine Kollegen und mich zu schnell. Wir fühlten uns nicht genügend beteiligt. Es wurde zwar drauf hingewiesen, dass das Thema politisch motiviert ist und nicht durch die üstra vorangetrieben wurde, das befriedigte aber nicht. Er bringt klar Verschlechterungen, besonders für die Kolleginnen im Fahrdienst. Ich wollte handeln.

Warum hast du für die Verkehrsgewerkschaft GDBA kandidiert?

Peter Sarimski: Seit 1981 ist die Gewerkschaft der Bahnbeamten offen für alle Arbeitnehmer, die sich gewerkschaftlich organisieren wollen. Letztes Jahr hat sich die Verkehrsgewerkschaft GDBA im Hause der üstra mit einer Aktion vorgestellt. Dann kamen die Entwicklungen zum Spartentarifvertrag, der zum 1.1. 02 schnell in Kraft treten sollte. Obwohl er Arbeitsplätze sichern soll, hätten unsere Interessenvertreter diesen Tarifvertrag nicht so schnell ins Leben rufen sollen. Gemeinsam hätten wir Aktionen starten können, um die Mitarbeiter einzubeziehen - "Können wir das so machen, seid ihr damit einverstanden?".

Du hast Dich nicht genügend beteiligt gefühlt?

Peter Sarimski: Das ging an uns Mitarbeitern so ziemlich vorbei.

Beteiligt waren der Vertrauensleutekörper, die Betriebsratsmitglieder, die Gewerkschaft ver.di und der Arbeitgeber. Ich, als Mitarbeiter musste mich den Entschlüssen beugen. Es gab auch keine Möglichkeit sich z.B. über ver.di an dem Prozess zu beteiligen. Der Kopf bei ver.di ist eben zu groß geworden. Bei der Verkehrsgewerkschaft GDBA erlebe ich die pure Gewerkschaftsarbeit.

Hast Du dich von Anfang an außen vor gefühlt?

Peter Sarimski: Ausschlaggebend für meinen Entschluss eine andere Gewerkschaft zu suchen, die mich anders oder besser vertritt, war ein Schriftstück von ver.di. Meine Kolleginnen und ich haben uns an ver.di mit der Bitte um Rechtsbeistand gewandt. Die Antwort lautete, Rechtsbeistand könnten sie nicht geben, aber sie geben gerne persönlich über den Spartentarifvertrag Auskunft. Darüber habe ich mich geärgert. Die Aussage der Gewerkschaft auf der Betriebsversammlung im Herbst 2001, "Abstriche müssen wir alle machen", ärgerte mich auch. Abstriche kann ich machen, wenn ich Betrag X verdiene. Abstriche kann ich aber nicht machen, wenn ich 2500 Euro, verdiene und mit 1500 Euro netto nach Hause gehe. Da kann ich von meinem Lohn keine Abstriche mehr machen und so geht es den meisten Kolleginnen hier.

Würde der Ehepartner nicht mitverdienen, könnte man sich nichts mehr erlauben. In diesem Zusammenhang ist ein Spartentarifvertrag, der zwar eine Lohnsicherung und Besitzstand für Altbeschäftigte garantiert, aber wiederum die Freiwilligenzulagen, wie z.B. die Geteiltenzulage herauslöst bzw. auf ein Euro reduziert, erschreckend. Das zeigt mir, dass der Weg noch ganz woanders hingehen kann.

Der Spartentarifvertrag ist nun durch. Was möchtest Du mit Deiner Arbeit im Betriebsrat erreichen?

Peter Sarimski: Ich will nach wie vor im Fahrdienst beschäftigt sein, um die Probleme hautnah mitzuerleben. Hier werden wir Betriebsräte auch richtig gut beschäftigt sein. Die Sparte Bus hat z.B. Dienste drin, die uns gut zu schaffen machen. Gestern war ich bei einer Dienstplanbesprechung in Süd. Dort gibt es einige Dienste in der zweiten Hälfte, die bis nach 18.00 Uhr gehen. Das bedeutet um 4.00 Uhr aus dem Bett und um 19.00 Uhr wieder zu Hause sein.

Die zweite Hälfte ist um die 380 Minuten lang und geht in der Regel von 12.00 Uhr bis 18.45. Wer das fünf Tage die Woche fährt, ist platt. Ich möchte für alle Kolleginnen nicht nur im Fahrdienst erreichbar sein, mir die Sorgen anhören und sie im Betriebsratsgremium vorbringen.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit im Betriebsratsgremium?

Peter Sarimski: Das Verhältnis zwischen Altbetriebsrat und mir ist zur Zeit sehr distanziert. Ich habe mich auch noch nicht konkret eingebracht. Auf der ersten konstituierenden Sitzung wurden Aufgabengebiete verteilt. Die Betriebsratsmitglieder haben Aufgabenfelder bekommen, die sie schon längere Zeit vertreten. Es ist eine gute Sache, dass Betriebsratsmitglieder, die sich in ihren Bereichen auskennen, diese Tätigleiten auch weiterhin ausfüllen. Grundsätzlich bin ich, weil ich aus dem Fahrdienst komme, im Bereich Verkehr als Betriebsrat tätig. Ich habe schon zwei Termine miterlebt, einen zur Fahrplangestaltung. Hier wird auch in Zukunft mein Aufgabengebiet sein.

Wie fühlst du dich behandelt?

Peter Sarimski: Was ich bei den ersten beiden Betriebsratssitzungen erlebt habe, verlief durchaus fair. Mir geht es grundsätzlich darum, meine Kolleginnen zu vertreten und ich hoffe, dass das der Betriebsrat auch weiter so annimmt.

Du musst verantworten, dass deine Aufstellung zur Listenwahl führte. Wie gehst du damit um?

Peter Sarimski: Auf dem Betriebshof Vahrenwald gab es Strömungen, die eine zweite ver.di-Liste aufmachen wollten. Dafür hätte man 50 Stimmen gebraucht. Bis zum letzten Tag war ich der Meinung, es würde eine zweite Liste geben, aufgrund der Unzufriedenheit der Kolleginnen und auch unter den Vertrauensleuten. Die 50 Stimmen kamen nicht zusammen. Da habe ich mich entschlossen zu handeln. Ich habe mir eine Gewerkschaft gesucht, bei der ich der Meinung bin, dass ich gut aufgehoben bin.

Die verhinderte Persönlichkeitswahl hat viele Kolleglnnen sauer gemacht.

Peter Sarimski: Ich stehe zu der Aktion und ich würde es wieder tun.

Es gibt Betriebe, wie VW, da gibt es mehrere Listen zur Auswahl. Da ich mich von ver.di zum jetzigen Zeitpunkt nicht gut vertreten fühlte, ist das meine einzige Möglichkeit gewesen, meinen Unmut zum Ausdruck zu bringen. Ich kann meinen Arbeitgeber nach 28 Jahren bei der üstra nicht mehr wechseln. Ich kann, auch wenn ich wollte, den Betriebsrat nicht komplett austauschen. Im übrigen sind dort einige fähige Leute, die ihre Arbeit gut machen. Ich kann mir aber demokratisch meine eigene Gewerkschaft aussuchen. Das demokratische Recht habe ich mir genommen.

Wie haben die Kolleginnen auf Dein Handeln reagiert?

Peter Sarimski: Es gab Äußerungen auch unter die Gürtellinie, die ich nicht wiederholen möchte. Es war eine meiner schlimmsten Erfahrungen, die ich gegenüber meiner Person machen musste. Ich bin sicherlich bei einigen KollegInnen unten durch. Das wird wahrscheinlich auch noch eine gewisse Zeit lang anhalten. Für mich steht aber der demokratische Ansatz im Vordergrund, auf den ich mich berufe.

Die Wahlbeteiligung war mit 49 Prozent gering.

Peter Sarimski: Die Wahlbeteiligung war erschreckend schwach. Ohne die zweite Gewerkschaft wäre die Wahlbeteiligung aber vielleicht noch schlechter gelaufen. Ich habe mit der Aktion gezeigt, dass Kolleginnen gegenüber ihren Interessenvertretern nicht hilflos dastehen brauchen. Es ist möglich auch alleine ein gewisses Leben in eine Betriebsratswahl zu bringen. 10 % Stimmen ist auch kein schlechtes Ergebnis für eine Gewerkschaft, die zum ersten Mal aufgestellt war. Den Schuh ziehe ich mir an.

Danke für das Gespräch.

 

Die Internet-Redaktion dankt dem Mitarbeitermagazin „start“ der üstra für die Freigabe des Interviews zur Veröffentlichung. Die starter-Redakteure Lars Rieger und Claudia Kudlinski hatten das Interview mit unserem Betriebsratsmitglied auf dem Betriebshof Vahrenwald gemacht und nachgefragt zu Listenwahl, Wahlbeteiligung, seiner Betriebsratsarbeit und seiner Person.

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